Das Schweigen der Vernunft: Warum die Philosophie zaudert
Klassische Philosophen tun sich schwer mit dem Begriff Lebenssinn. Und überlassen dieses wichtige Thema anderen: den psychologischen Ratgebern, Priestern, Gurus oder – nun wieder ganz aktuell – den Populisten. Weil sich Philosophie in den letzten drei Jahrhunderten auf die Vernunft konzentriert hatte. Ohne genau zu wissen, was das ist. Wenn überhaupt, wird ein Sinn des Lebens philosophisch umständlich über Annahmen und Argumente abzuleiten versucht. Verkopft – daher klappt es nicht.
Spätestens mit der kommunikativen Dominanz sozialer Netzwerke im Internet wurde klar: wir leben und treffen Entscheidungen nicht nach streng rationalen Regeln. Vielmehr steuern uns tief verankerte Erfahrungen der ersten Jahre (etwa durch einen überstrengen oder liebevollem Erziehungsstil), nicht reflektierten Präferenzen, erworbenen Gewohnheiten und Vorlieben, deren Entstehungsgrund wir vergessen haben. Mit Vernunft haben diese inneren Beweggründe nichts zu tun.
Auch für den modernen Menschen gilt: Getrieben von unbewussten Kräften
Anthropologische Philosophie beachtet das. Sie stützt sich auf ein modernes Bild vom Menschen, das stammes- oder herkunftsbasierte Erfahrungen und Gefühle integriert. Evolutionär gilt: 'Vernunft' spielt nur die zweite Geige. Vernunft hat sich als jüngster Teil des menschlichen Bewusstseins entwickelt. Grob gesagt, entspricht sie einer dünnen 'oberflächlichen' Schicht, die über tieferen Schichten aufgesetzt wurde.
Populisten wissen intuitiv von diesem emotionalen Fundament. Sie sprechen Ängste mit einer Bilder- und Schreisprache an. Sie verstärken die Ängste, lassen aus Vertretern einer anderen Meinung Feinde werden. Und lehren, diese Feinde intensiv zu hassen. Linke oder rechte Populisten jagen als moderne Rattenfänger von Hameln Menschen aufeinander los.

Vernunft als dünne Schicht – die Torte der Gefühle
Vernunft gleicht der äußeren Glasur einer Torte, in der Wichtigkeit nachrangig gegenüber dem Inneren und der süßen Fülle ist. Die Fülle der Torte - die Gefühle – setzt sich zusammen aus Leidenschaften, Stimmungen, Trieben, Instinkten, Emotionen, Seelenkräfte, Gemütsbewegungen, um nur einige andere Wörter für den großen Bereich der Gefühle zu verwenden.
Das Motivierende und eigentlich Treibende im Menschen wird durch diese Wörter gut charakterisiert (siehe untenstehenden Kasten). Nun stellt sich die praktische Frage: Wie entwickle ich Lebenskraft und Sinn? Zwei ineinander verwobene Wege sind es, die weiterhelfen:
(1) Gefühlsmäßig achte ich auf meine Sehnsüchte. Diese sind jene Gefühle, die mir anzeigen, welche Ziele mein gesamtes Ich (das Bewusste und vor allem das Unbewusste, der Verstand und insbesondere die Gefühle) in Wahrheit anstrebt.
(2) Mittels der Vernunft suche ich Wege, um die drei Grunddimensionen im Rahmen eines bestimmten Themas besser abzudecken- Körperlich-Materielles, Psychisches und Soziales. Sinn heißt, in der vielfach gebrochenen Wirklichkeit wenigstens in Teilbereichen jenen roten Faden zu finden, der Zusammenhänge und Stimmigkeit anzeigt. Sinn heißt, jenen rote Faden zu finden und aufzuspulen, der zu mehr oder weniger klar definierten Zielen führt.
Vom Ich zum gemeinsamen Wir in der Welt
Weltliche Spiritualität ist ein Eingebundensein in allgemeinere, über das eigene Ich hinausreichende Prinzipien. Prinzipien, die zum Beispiel aus diesen umfassenderen gefundenen und stimmigen Zielen entlang moralischer und ethischer Linien (darüber in Zukunft mehr) abgeleitet werden.
Die Bereiche, in denen sich Spiritualität insbesondere manifestiert, sind lokale und regionale Nachbarschaften, Öffentlichkeit, Umwelt, zukünftige Generationen, Natur, ... Die Inhalte in diesen Bereichen hängen vom Alter und entsprechenden Aufgaben ab. Dies sind zum Beispiel Aufgaben der Entwicklung4 in frühen Lebensphasen, eines Kümmerns, das mehr als nur die eigene Person im Blick hat, in mittleren Lebensphasen oder eines Vermächtnisses (einer legacy für folgende Generationen) in einer späteren Lebensphase.
Säkulare Spiritualität und stille Freude
Sinn des Lebens und weltliche Spiritualität haben vieles gemeinsam, sind – aus der Ferne betrachtet – vielleicht nur zwei Seiten derselben Medaille. Sinn heißt, durch Sinne und Gefühle gefundene stimmige Ziele zu erreichen versuchen. Säkulare Spiritualität kann energetisieren. Sie umfasst ethisch-moralisches Tun. Stille Freude, Gutes getan zu haben, taucht nicht selten auf.
Reinhard Neumeier
September 2013, Juli 2026
These zum Mitnehmen:
Im Zeitalter der Künstlichen Intelligenz zeigt sich, was den Menschen ausmacht: Nicht das Denken allein, sondern die Fähigkeit, aus Gefühlen Lebenskraft, Ziele und in der Folge Sinn zu schaffen.
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Eine Frage der Herkunft: Was das Wort "Sinn" umschreibt Die Herkunft des Wortes Sinn weist auf ein Initiieren und Bewegen. Darüber hinaus zeigt die entsprechende Wortfamilie auf das Suchen von Spuren und Fährten. Sinn bezeichnet kein blindes Bewegen und Herumirren, sondern ein durch Sinne gefundenes, gezieltes Vorankommen. Interessant ist die noch weiter zurückführende indoeuropäische Wurzel *sent. Sie benennt gehen, reisen mit der verbundenen Bedeutung eine Richtung nehmen, eine Fährte suchen 1 2 3. Im Lateinischen heißt sentire und sensus 'fühlen, wahrnehmen' beziehungsweise 'Gefühl, Sinn, Meinung'. In beiden angeführten Sprachwurzeln zeigt sich das bis heute gültige Bild. Das Bild der durch die Sinne wahrgenommenen Richtung, die sich als gefühlsverankerte Meinung manifestiert und Menschen in eine bestimmte Richtung leitet.
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1 Drosdowski, Günther, Duden 7, Etymologie, Herkunftswörterbuch der deutschen Sprache, 1989
2 Stichwort Sinn, Duden online
3 Stichwort Sinn, The Free Dictionary
4 Yalom, Irvin (2005): Existenzielle Psychotherapie, Edition Humanistische Psychologie, Verlag Andreas Kohlhage (insbesondere Teil IV ab S. 495)