Serie: Das Universum und wir, 2
Tiefschwarze Nacht. Strahlende Punkte greifen aus einer schwarzsamtenen Kuppel auf die Erde. Lichter funkeln, hellweiß, einige mit einem bläulichen oder roten Stich. Wie Wunderkerzen am Weihnachtsbaum.
So sah der Himmel an Winterabenden im niederösterreichischen Weinviertel Mitte der 1950er Jahre aus. Man musste allerdings außerhalb des Ortes wohnen, wie damals ich als kleiner Bub.
Ausgerüstet mit einer Taschenlampe ging ich einmal pro Woche an der Hand des Vaters zum Duschen außerhalb des Wohnhauses. Nicht auf einer hell beleuchteten Straße, sondern auf einem schmalen und dunklen Pfad zwischen Feldern. Unheimlich? Ja. Doch die Hand des Vaters machte sicher.
Unten die Dunkelheit des Weges, oben die Schwärze des Himmels und darin unzählige glitzernde Sterne. Sie blinken, sie leben, es scheint, als wollten sie etwas sagen, aber ich verstehe sie nicht.

Je mehr wir wissen, desto fremder wird das Universum
Schaue ich heute in den Wiener Nachthimmel, sehe ich eine bleiche Suppe mit schwachen Lichtpünktchen. Der Zauber des kindlichen Nachthimmels ist fast vergessen, zu weit liegt er zurück. Dafür weiß ich einiges von dem, was Unfassbares da oben hinter der milchigen Suppe existiert.
Die meisten Sterne sind selbst Sonnen in der Milchstraße. Über, unter und neben unserer Heimatgalaxie senden unzählige weitere Galaxien Licht in den Raum. Sie bilden gewaltige fadenartige Gebilde zwischen riesigen Leerräumen.
Der direkte Zugang zu dem Wunderhimmel meiner Kindheit ist verloren, aber die Geschichte des Himmels gewonnen. Und damit unsere Herkunft. Es geht um Kosmologie und Biologie, um das Große und das Lebendige.
Aber wissen wir die letzte Wahrheit? Oder kennen wir vielleicht das Geschehen im Universum nur ungefähr, wie es für Wissenschaft charakteristisch ist? Wahrscheinlich haben wir Wesentliches noch gar nicht erfasst.
Denn an mehreren Stellen werden Beobachtungen zunehmend inkompatibel mit etablierten kosmologischen Modellen. Wahrscheinlich ist das Universum nicht so, wie wir es uns bisher erklärt haben.
Ein Himmel, viele Wirklichkeiten
Wenn unser heutiges Wissen historisch begrenzt ist, wie würden außerirdische Wesen auf uns schauen, die hunderttausende Jahre mehr Wissenschaftsgeschichte hinter sich haben? Eine andere Zivilisation, die uns wissenschaftlich um Äonen voraus wäre, würde unsere heutigen Gewissheiten so betrachten, wie wir die Kosmologien vergangener irdischer Kulturen.
Es wäre spannend, aber würden wir ihnen glauben? Wir müssten offen sein für ungeahnte und unserer Intuition widersprechende Aspekte auf kosmologischer oder quantenphysikalischer Ebene. Dafür brauchen wir keine Aliens. Sie leben bereits unter uns. Menschen anderer Kulturen sind uns zugleich vertraut und doch fremd. Sie sehen dieselbe Erde und denselben Himmel, aber deuten ihn anders.
Je nach Kultur und darin eingebetteter Sprache wird der Himmel als Spiegel der Existenz gesehen. Er steht für die Schöpfung, weist sowohl auf Anfang als auch Zukunft. Jede Auffassung ruht auf einer philosophischen Grundintuition. Erst diese offenbart die Ideen hinter den sprachlichen Begriffen.
Sehen wir daher wirklich den Himmel, oder ist er nur ein Perlvorhang für jene Weltanschauung, mit der wir ihn betrachten? Vielleicht beginnt Wissenschaft dort, wo der kleine Reinhard vor siebzig Jahren stand: bei der Erfahrung, dass der Himmel mehr Fragen stellt, als wir beantworten können.
20. September 2026
Zum dritten Teil der Serie 'Das Universum und wir'