Serie: Das Universum und wir, 3

 

Schwarz: Wo das Sehen an seine Grenzen kommt 

Zu den ersten drei Farben, die neugeborene Säuglinge erkennen: Schwarz. Erstaunlich oder doch nicht? Ist schwarz überhaupt eine Farbe oder ist es mehr als eine Farbe? 

Schwarz ist für zehntausende menschlicher Generationen vor allem eines: Gefahr. Verschwindet das Licht, wird es dunkler und dunkler. Vielleicht sehen Menschen dann nicht einmal die Finger vor ihren Augen. In Zeiten von Raubieren aller Arten bist du eines: Beute.

Menschen haben ihre nächtliche Umwelt zunehmend kontrolliert und die Dunkelheit technisch und kulturell zurückgedrängt. Schwarz wurde zu einer Farbe auf Höhlenwänden, dann auf Gemälden oder auf Textilien. 

 

 

Das Unheimlichen ist schwarz geblieben. Vermutlich lieben Künstler und Intellektuelle deshalb dieses konkret gewordene Nichts und kleiden sich dementsprechend schwarz-uniform. 

 

Im Dunkeln beginnt eine andere Weise, die Welt zu erfahren

Deshalb laufen traditionelle Rituale in Afrika, Asien oder Europa in der Nacht ab. Die vergrabene Erinnerung an unheimliche Zeiten wird wach. Zentrale Elemente dieser Rituale sind: Feuer, klatschende und Geister anrufende Menschen. Stunde um Stunde stampfen Körper zu Trommeln rund um ein prasselndes und anfangs hoch aufloderndes Feuer. Der Unterschied zur unheimlichen Finsternis wird unmittelbar spürbar. Schwärze, Flammen, Rhythmus und Trommeln werden zur ganzen Welt. Nichts weiter ist mehr da.

Monotoner Singsang, Synchronisierte Schritte im Kreis um das Feuer, der Einzelne verschmilzt mit den anderen zu einem neuen Wesen. Wirkungen, die Metal-Musik in Diskos bei den Tanzenden gegenwärtig noch erzeugen wirken durch Rhythmus, Synchronisation und Auflösung individueller Grenzen. Das Bewusstsein verändert sich, die enge Welt das Alltag? Für einige Zeit ausgelöscht.  

Ist die Nacht klar, werden Sterne als Gegenpol zum Feuer sichtbar. Der Himmel kommt näher, alles wird eines. Und mitgerissen und mittendrin: das Ich. Man fühlt mehr als man sieht, kann es aber nicht benennen. Frage: Ist auf tiefer affektiver Ebene Erkenntnis zum Leben, der umgebenden Welt und vielleicht des Universums möglich?

 

 Sufi-Tanz als Ausdrucksform und Suche nach Rumi Mevlana (Konya/Türkei, 2010)


Wissenschaft ist eine historisch junge Form der Welterkenntnis. Der Mensch hat die Welt aber schon lange vorher mit anderen Mitteln erfahren: mit Körper, Gefühl, Rhythmus, Dunkelheit und Ritual. In der Dunkelheit spürt der Mensch sich und die Welt mit allen Sinnen. Unabhängig davon, ob in Form von Wandmalereien in finsteren Höhlen oder beim offenen Feuer im Dunkeln draußen. Den rein kognitiven Weg – mittels Verstand und Wissenschaft die Welt zu erkennen – ist erst wenige Jahrhunderte alt.

 

Was Vorfahren bisweilen ahnten, sucht und belegt die Wissenschaft heute

Was erstaunt sind die alten Geschichten zur Schöpfung, zum vermuteten Anfang, zum Universum insgesamt, sie tauchen in kosmologischen Theorien des 21. Jahrhunderts wieder auf. Ist die Welt stabil oder ständig im Wandel? Hat sie einen Anfang oder war sie immer da? Gibt es nur eine Welt oder viele? Die meisten antiken Ansichten wurden bis vor kurzem als historisch, naiv und überholt angesehen.  

Und nun das: uralte Ideen werden von Astrophysikern und Kosmologen heiß diskutiert. Natürlich mit anderen Begriffen, auf  Messdaten beruhend aus hochmodernen Teleskopen, Röntgen- und Infrarot-Instrumenten im All oder aus quantenphysikalischen Experimenten erfahren. Viele lange Zeit als historisch angesehene Inhalte tauchen wieder auf.

Was, wenn manche alten Kosmosvorstellungen nicht deshalb interessant sind, weil sie wissenschaftlich richtig waren, sondern weil Menschen einige Strukturen der Welt intuitiv, mythologisch oder körperlich erfassen konnten, lange bevor wir sie mathematisch und empirisch beschreiben?

7. Oktober 2026

 

Zum Start der Serie 'das Universum und wir'